Kopfbild: tippende Finger auf einem Laptop
25/2017 vom 04.05.2017

Wie Medien über Medien berichten

Diskussion über Komfortzonen und digitale Empathie zur Vorstellung des neuen Content-Berichts in Leipzig

Falschnachrichten, Gerüchte und verdrehte Wahrheiten gab es schon immer. Doch erst in digitalen Zeiten konnten sie zu Fake News und Hate Speech werden, die über Facebook und Twitter schneller und unkontrollierter denn je an ein großes Publikum gelangen. Neue Player und Gatekeeper im Netz und in sozialen Netzwerken stellen journalistische Spielregeln und etablierte Machtverhältnisse plötzlich zur Debatte. Der Druck, Aufmerksamkeit zu erzeugen, nimmt weiter zu. Grund genug für die Medienanstalten, diese Entwicklungen zum diesjährigen Diskurs-Thema ihres gerade erschienenen Content-Berichts zu machen. Bei der Präsentation des neuen Content-Berichts gestern auf den Medientagen Mitteldeutschland diskutierten darüber in Leipzig Branchenexpertinnen und -experten vor viel Publikum.

Die Politikberichterstattung bei den Privaten ist angestiegen – dieses Forschungsergebnis aus dem Content-Bericht belegt für Cornelia Holsten, Koordinatorin des Fachausschusses Regulierung der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM): „Es besteht ein Interesse der jungen Zielgruppe an politischer Berichterstattung.“ Ein Interesse, das ernst genommen werden müsse – in den etablierten Redaktionen und beim etablierten Medienkonsum. „Raus aus der Komfortzone“, appellierte Holsten daher auf dem Podium an die Journalisten. Aber nicht nur sie, jeder Erwachsene und gerade auch Eltern seien hier gefragt, so Holsten. Es gelte: „Bleibt neugierig!“ – etwa darauf, wie, wann und wo junge Leute Informationen konsumieren.

„Wir Medienmenschen leben in einer ganz gewaltigen Filterblase“, kritisierte auch der Journalist und Blogger Richard Gutjahr. Dadurch sei ein „digitaler Graben entstanden, wir entfremden uns immer mehr von unserem Publikum“. Durch Social Media sei neben den klassischen Medien eine zusätzliche Kontrollinstanz entstanden. Daher sei heute „digitale Empathie“ gefragt. Kommentare beantworten, Zuhören können, Kritik ertragen – „diese Muskeln hat der Journalismus nie trainiert“, mahnte Gutjahr, der die Kommunikation im Netz als „unfassbaren Seismographen“ gesellschaftlicher Stimmungen bezeichnete.

Noch zuverlässiger berichten, Nachrichten und Meinungen stärker trennen, die Fakten besser im Blick haben: auf diese Werte sollte sich der Journalismus aus Sicht der Journalistin und Dozentin Silke Burmester besinnen. Sie kritisierte, dass auch hochangesehene Redaktionen oft „zu wenig differenzieren und zu viel emotionalisieren“. So spiele man nur den „Lügenpresse“-Rufern in die Hände: „Wir können den Geist aus der Flasche nur durch Fakten wieder einfangen“, sagte Burmester und plädierte für „mehr Angstfreiheit“.

Eine ähnliche Haltung hatte auch RTL-Chefredakteur Michael Wulf, dessen Sender laut Content-Bericht mit 46 Minuten täglicher Politik-Berichterstattung der Vorreiter unter den privaten Programmen ist. „Entemotionalisieren und auf Faktenbasis Haltung zeigen“ sei das Erfolgsrezept für Nachrichten. Um die Aufgabe, die alltägliche Content-Flut für die Zuschauer einzuordnen, auch erfüllen zu können, sei es nötig „rauszugehen und in die Lebenswirklichkeit der Menschen einzutauchen“. Wulf: „Wir müssen mit unseren Zuschauern in den Dialog treten, sie aufklären, aber sie nicht belehren.“