22/2012 vom 10.04.2012

Programmbericht der Medienanstalten: "Realitätsunterhaltung" bei einigen Sendern fast die Hälfte des Programms

Mit dem Schwerpunkt zu Reality-Formaten im Fernsehen greift der aktuelle Programmbericht der Medienanstalten die öffentliche Debatte auf, die über einzelne Sendungen wie das gesamte Genre geführt wird. Reality-Formate nehmen demnach in einzelnen Sendern fast die Hälfte des Gesamtprogramms ein. Im Untersuchungszeitraum ist VOX Spitzenreiter mit knapp 40 Prozent, dicht gefolgt von RTL mit rund 38 Prozent. Sat.1 hat einen Anteil von knapp 30 Prozent am Gesamtprogramm, RTL II rund 16 Prozent, und kabel eins sowie Pro Sieben bleiben unter zehn Prozent. Das ist ein Ergebnis der kontinuierlichen Programmbeobachtung durch die GöfaK Medienforschung, Potsdam, die die acht wichtigsten deutschen Vollprogramme erfasst und deren Trends im aktuellen Programmbericht vorgestellt werden.

Umgerechnet auf Programmstunden bedeutet das, dass VOX und RTL an einem durchschnittlichen Tag jeweils etwa neun Stunden mit Reality-Formaten bestreiten, bei Sat.1 sind es etwa sieben Stunden. Diese Zahlen belegen, welch große Bedeutung diese Formate für die privaten Vollprogramme haben, denn pro Tag werden insgesamt etwa 19 bis 20 Stun-den Programm ausgestrahlt, der Rest entfällt auf Werbung, Promotion und Sponsorhinweise.

Mit dem Begriff „Realitätsunterhaltung“ fassen die Wissenschaftler der GöfaK Medienforschung verschiedene Kategorien des Reality TV zusammen: Sie unterscheiden „Scripted-Reality-Formate“ (gescriptete Doku-Soaps, gescriptete Gerichts- oder Personal-Help Shows); „Script-affine Formate“, bei denen aus den Aufzeichnungen nicht eindeutig hervorging, ob sie gescriptet sind (Doku-Soaps, Daily Talks); und schließlich „Realityshows“ (Castingshows, Real-Life-Experimente, Spiel- und Wettbewerbsshows etc.). Auf Shows entfiel insgesamt der geringste Anteil am Reality-Fernsehen, der Anteil der beiden anderen Formate variierte stark zwischen den Sendern. Eine Ausnahme macht hier Pro Sieben, denn der Sender strahlt außer Shows keine weiteren Reality-Formate aus.

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass sich die Sendungen, die sie unter dem Begriff „Realitätsunterhaltung“ zusammenfassen, einer Zuordnung zu gängigen Programmkategorien entziehen. Ihr „Bauprinzip“ sei geradezu die Vermischung: Es verschwimmen nicht nur die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, sondern auch die zwischen den traditionellen Programmgenres wie etwa Dokumentation und Erzählung, Soap Opera und Ratgebersendung.

Das Thema „Reality-Fernsehen“ hat die Landesmedienanstalten sowie die gemeinsamen Gremien bereits ausführlich beschäftigt. Auf Grundlage der empirischen Erkenntnisse aus dem Programmbericht werden die Medienanstalten die Debatte im laufenden Jahr zu verschiedenen Anlässen intensiv weiter führen, auch öffentlich.

Die nächste Gelegenheit dazu bietet der Workshop „Wirklich. Fernsehen. Wirklicher?“, der am 10. Mai in Berlin stattfinden wird. Dort werden Inhalte und Herausforderungen von Scripted Reality gemeinsam mit Produzenten, Journalisten und Medienwissenschaftlern diskutiert. Weitere Informationen zum Workshop finden Sie unter: www.die-medienanstalten.de/service/veranstaltungen.

Über den Programmbericht
Für die kontinuierliche Programmforschung der Medienanstalten wird seit 1998 zweimal pro Jahr das Programm der acht wichtigsten Vollprogramme in einer kompletten Woche aufgezeichnet und analysiert, und zwar jeweils im Herbst und im Frühjahr. Die federführend von der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) betreute Langzeitstudie wird von der GöfaK Medienforschung, Potsdam, unter der Leitung von Professor Dr. Joachim Trebbe und Professor Dr. Hans-Jürgen Weiß durchgeführt. Im Programmbericht der Medienanstalten wird über aktuelle Entwicklungen von Programmstrukturen und Programminhalten im Fernsehen wie z.B. die Nachrichten- und Politikanteile in den verschiedenen Sendern berichtet. Basis der Analyse zum Reality-Fernsehen im Programmbericht 2011 ist die Frühjahrsstichprobe 2011.

Weiter enthält die Publikation einen Überblick über aktuelle Programmtrends sowie Zusammenfassungen von Einzelstudien, die im Berichtszeitraum im Auftrag der Landesmedienanstalten entstanden sind, darunter die Studien „Skandalisierung im Reality-TV“ und „Mediale Vereinigungsbilanzen. Event- und Alltagsberichterstattung über Ost- und Westdeutschland im deutschen Fernsehen“. Ein Forschungsüberblick und ein Debattenteil runden den Bericht ab.

Der „Programmbericht 2011. Fernsehen in Deutschland“ wird herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in Deutschland. Er ist soeben im Vistas-Verlag erschienen und zum Preis von 19,00 Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-89158-568-9). Eine PDF-Version ist hier abrufbar.