Medieninformation • 23/2026 vom 09.07.2026

Freie Medien sind für eine offene, liberale Gesellschaft unerlässlich

Experten diskutierten in Schwerin über die Herausforderungen für Medien in MV

Am 9. Juli 2026 fand in Schwerin die Jahrestagung der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern unter dem Titel „Wenn Wahrheit unter Druck gerät. Medien zwischen Freiheit und Einflussnahme“ statt. 85 Verantwortliche aus Medien, Politik, Bildung und Wissenschaft diskutierten drängende Fragen rund um ökonomischen Druck, Unabhängigkeit und die Zukunft des Journalismus in Deutschland. 

Die Vorsitzende des Medienausschusses Mecklenburg-Vorpommern, Sandra Nachtweih, eröffnete die Tagung: „Freie Medien und unabhängiger Journalismus sind für eine offene, liberale Gesellschaft unerlässlich. Es ist kein Zufall, dass der Journalismus – wie wir ihn heute kennen – seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat. Er geht einher mit der Aufklärung, mit dem Vermitteln von Wissen, mit einer besseren Bildung für mehr Menschen, mit dem Entstehen demokratischer Verfassungen in Frankreich und Nordamerika.“ 

Nachtweih würdigte zugleich die Arbeit der Medienanstalt, die in diesem Jahr 35 Jahre alt wird. Die Herausforderungen und Aufgaben hätten sich im Laufe der Jahre stark verändert. Neben der Aufsicht über den privaten Rundfunk sei die Medienanstalt heute auch für Online-Angebote in MV, für Social Media und den Jugendmedienschutz zuständig. Sie kläre über Medien und deren Wirkungsweisen auf und fördere Medienkompetenz, z. B. in ihren Mediatopen in Schwerin, Rostock, Neubrandenburg, Malchin und Greifswald. „Medienbildung und eine kluge, wirkungsvolle Medienregulierung sind elementar wichtig für unser Land“, so Nachtweih. 

Die 1. Vizepräsidentin des Landtages Mecklenburg-Vorpommern, Beate Schlupp, beschrieb in ihrem Grußwort die Bedeutung freier Medien für die Landespolitik: „Der Landtag ist die Stätte der politischen Willensbildung unseres Volkes. Damit dieser Prozess sichtbar wird und die Bürgerinnen und Bürger sich ein fundiertes Urteil bilden können, braucht es starke Medien – und Menschen mit Medienkompetenz. Durch ihre journalistische Einordnung leisten die Medien einen unverzichtbaren Beitrag zur Urteilsbildung. Die Medienanstalten der Bundesländer unterstützen dies in herausragender Weise.“ 

Die Keynote von Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und Bestsellerautor, die per Video übertragen wurde, beleuchtete die Zukunft der Medien. Hier zeige sich ein Spannungsfeld aus rasanter Kommunikationsrevolution, asymmetrischen Wahrheitskriegen und einem Großangriff von Big Tech und Populisten auf den unabhängigen Journalismus: „Die neuen Medien haben eine neue Geschwindigkeit gesetzt, die auch die alten Medien erreicht hat und sie in eine neuartige Wettbewerbssituation hineingebracht hat. Und damit wird ein Grundkonflikt allen Publizierens im digitalen Zeitalter noch einmal in besonderer Drastik aktuell: der Konflikt zwischen Geschwindigkeit auf der einen Seite und Genauigkeit auf der anderen. Der Netzphilosoph Peter Glaser hat die Dynamik auf die erhellende Formel gebracht: Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit.“

Pörksen sagte, die neue Medienwirklichkeit sei eine Medienwirklichkeit der Widersprüche, der grellen Kontraste, der Gleichzeitigkeiten: „Einerseits erleben wir eine gigantische Öffnung des kommunikativen Raumes – andererseits eine enorme Konzentration politischer, ökonomischer und medialer Macht, wie es sie in der Mediengeschichte noch nie gab.“ Dies müsse man anerkennen und Folgendes tun: „Es geht nicht um die eine große Lösung über Nacht, sondern um viele kleine, wiederholte, lernende Schritte: Wenn wir Standards stärken, Medienkompetenz ausbauen und die Ideale des guten Journalismus in die Breite tragen, kann eine Kultur der Prüfung, des Zweifelns und der Fairness wachsen – und damit auch das Vertrauen.“ 

Die anschließende Panel-Diskussion lieferte einen spannenden Einblick in die derzeitige Situation von Medien in Mecklenburg-Vorpommern. 

Der Chefredakteur des Nordkuriers und der Schweriner Volkszeitung, Gabriel Kords, sagte: „Big Tech und soziale Medien verändern unsere Diskussionskultur und erhöhen den wirtschaftlichen Druck. Doch gute Geschichten setzen sich durch – Journalismus hat weiterhin einen hohen Stellenwert. Wir müssen in einer Sprache frei von Hass und Verachtung bleiben. Zuspitzung und Provokation dürfen sein, Polemik auch – aber niemals mit Hass. Es gibt Standards, von denen wir nicht abweichen dürfen.“ 

Die Multimediale Chefredakteurin des NDR Landesfunkhauses Mecklenburg-Vorpommern, Gordana Patett, beschrieb den Anspruch des NDR: „Es ist nicht nur unser Auftrag, zu berichten, sondern auch die Hintergrundberichterstattung zu stärken: Was steckt dahinter? Welche Prozesse? Welche Ideologien? Der unabhängige Journalismus ist ein Gegengewicht zu Propaganda, Desinformation und Algorithmen. Diese drei buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Dagegen hilft Wissen, Bildung, Medienkompetenz. Und dafür leisten wir unseren Beitrag.“ 

Kritik an den sozialen Medien kam von Thomas Böhm, dem Geschäftsführer der privaten TV-Programme MV1, TV:SCHWERIN und Wismar TV: „Ich sehe es als extrem gefährlich an, was da über die sozialen Medien passiert. Dass wir im Grunde alle auch ein stückweit von denen geknechtet werden, weil wir sie eben auch bedienen müssen.“ Und mit einem Blick in die Zukunft sagte er: „Ich mache mir Sorgen. Gesellschaftlich geht eine Debatte voran, die Rechtsextremismus, aber auch andere Themen, salonfähig macht. Wir brauchen Gesprächskorridore, auch in diese Richtung. Wir müssen im Gespräch bleiben.“ 

Dem pflichtete der Sozialwissenschaftler und Sprecher für Landesentwicklung der Fraktion DIE LINKE im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Daniel Trepsdorf, bei und wies auf Folgendes hin: „Informationen sind keine Ware – daraus erwächst kein Renditeanspruch. Klickzahlen dürfen nicht die übergeordnete Rolle spielen. Tech-Konzerne verfolgen nicht die Agenda, die Medien prägen sollte: die Achtung unseres Grundgesetzes und der Menschenrechte. Diese Verantwortung gilt für alle Medien – ob privat oder öffentlich-rechtlich.“ 

Der Gastgeber der Veranstaltung, der Direktor der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern, Bert Lingnau, zeigte Beispiele medialer Berichterstattung aus der NS-Zeit und der DDR und erläuterte die Unterschiede zu heutigen unabhängigen Medien in Deutschland: „Die heutigen unabhängigen Zeitungen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und der private Rundfunk unterscheiden sich fundamental von der gleichschalteten Presse, der NS-Wochenschau und dem DDR-Rundfunk. Sie senden keine staatliche Propaganda, sondern versuchen, in ihrer Berichterstattung die Wirklichkeit – mit all ihren Widersprüchen, Paradoxien und subjektiven Sichtweisen – abzubilden. Natürlich sind auch sie nicht fehlerfrei. Aber sie sind fähig zur Selbstkritik und zur Selbstkorrektur.“

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Am MEDIAFORUM MV 2026 am 8. Juli 2026 in Schwerin nahmen 85 Gäste teil.
Florian Steffen
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