Medieninformation • 08/2026 vom 12.03.2026

Stärkere Regulierung von Social Media gefordert

Parlamentarischer Abend der Medienanstalt MV in Schwerin

Unter dem Titel Wie tickt TikTok? Der Einfluss von Social Media auf Politik und Gesellschaft hatte die Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern am 10. März 2026 zu einem Parlamentarischen Abend ins Schweriner Schloss eingeladen. 70 Gäste nahmen daran teil, unter ihnen interessierte Landtagsabgeordnete, aber auch Verantwortliche aus Medien, Bildung, Wirtschaft, Kultur und Verwaltung. 

Die Vorsitzende des Medienausschusses Mecklenburg-Vorpommern, Sandra Nachtweih, eröffnete den Abend: „Aktuell nimmt die Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche in Deutschland an Fahrt auf. Das hat Gründe. Denn wir leben in einer Zeit, in der soziale Medien unsere Kommunikation, unser Selbstbild und vielfach unsere Weltanschauung beeinflussen. Sie bieten Chancen zur Vernetzung, bergen jedoch Risiken wie psychische Belastungen, Reizüberflutung, Radikalisierung und die Verbreitung von Desinformationen.“  

Die Präsidentin des Landtages Mecklenburg-Vorpommern, Birgit Hesse, hob in ihrem Grußwort hervor, dass soziale Medien die öffentliche Debatte stark prägten. Umso wichtiger sei es, echte Nachrichten von Falschinformationen zu unterscheiden und diese Herausforderungen auch politisch zu adressieren, „denn gerade im Wahljahr sollten wir Haltung zeigen und uns auf die Werte der Demokratie besinnen.“ Mecklenburg-Vorpommern wählt am 20. September 2026 einen neuen Landtag. 

Der Politik- und Kommunikationswissenschaftler Marcus Bösch (TH Köln) analysierte in seinem – online aus Köln übertragenen – Hauptvortrag des Abends die Politik in Zeiten von Algorithmen. Besonders TikTok verändere die Aufmerksamkeit, Reichweite und Deutung politischer Inhalte – häufig gestützt durch popkulturelle Referenzen: „Während die Nutzung von Nachrichten auf Plattformen wie TikTok wächst, dominiert weiterhin Unterhaltung.“ Bösch skizzierte den Wandel vom linearen Sender-Empfänger-Modell über die ersten sozialen Netzwerke bis hin zu heutigen Empfehlungssystemen, die Nutzungsverhalten algorithmisch auswerten und Inhalte priorisieren. Kritisch betonte er problematische Anreize für Reichweite, etwa durch grenzüberschreitende, teils KI-generierte Inhalte und plädierte für mehr Plattformverantwortung, Regulierung und Medienkompetenz. 

Im anschließenden Panel wurde über die Macht von Social Media in Deutschland und Europa gesprochen. Zu Wort kamen David Wulff, FDP-Abgeordneter im Landtag MV, Bert Lingnau, Direktor der Medienanstalt MV, und jugendliche Social-Media-Nutzerinnen aus Schwerin. Online zugeschaltet waren – neben Marcus Bösch – die Rostocker Abgeordnete des EU-Parlamentes Sabrina Repp (SPD), sie saß in Straßburg, sowie Tim Klaws, Director of Government Relations and Public Policy für die Regionen Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie Israel und BeNeLux bei TikTok, er saß in Berlin. Moderiert wurde das Panel von Corinna Pfaff, Geschäftsführerin des Deutschen Journalisten-Verbandes Landesverband MV e. V. 

Ein Streitpunkt war die mögliche Einführung eines Social-Media-Verbotes für Kinder und Jugendliche in Deutschland bis zu einer bestimmten Altersgrenze. Lingnau zeigte sich offen dafür, betonte aber, dies müsse im Zusammenspiel mit mehr Medienbildung und stärkerer Regulierung der Plattformen erfolgen. Repp und Wulff warnten, ein bloßes Verbot verlagere die Probleme nur. Sie forderten eine klare Verantwortung von Plattformen und Eltern sowie eine stärkere Medienkompetenzvermittlung in Deutschland. Klaws verwies auf bereits vorhandene Jugendschutzfunktionen bei TikTok: Dazu gehörten standardmäßige 60‑Minuten-Limits für Jugendliche unter 18 Jahren, über 50 voreingestellte Sicherheitseinstellungen, Moderationsteams sowie die Kooperation mit Faktencheck-Organisationen, u. a. dpa. TikTok speichere seine Daten ausschließlich auf Servern in Europa. Zugleich bat er um eine differenzierte Debatte und verwies auf den guten Austausch mit der EU-Kommission und den Landesmedienanstalten. 

Repp hob den Digital Services Act hervor, der Plattformen in der EU stärker in die Pflicht nehme, und forderte ein konsequentes Vorgehen gegen Desinformationen und Hate Speech. 

Zwei Jugendliche aus Schwerin schilderten, TikTok wirke auf sie „wie eine Droge“. Es sei schwer, sich vom Bildschirm zu lösen, die „verlorene Zeit“ komme nicht zurück. TikTok diene ihnen vor allem „zur Unterhaltung mit gelegentlichem Informationsgewinn“. Zugleich betonten die Jugendlichen die gemeinsame Verantwortung einerseits von Plattformen und Politik – auch durch eine klare Regulierung – sowie andererseits von Schulen und Eltern: Es brauche mehr Aufklärung und wirksame Schutzmaßnahmen, damit junge Menschen sicherer mit den Dynamiken sozialer Medien umgehen könnten. 

Einig war man sich, dass Social Media die politische Kommunikation zwar ergänzen, persönliche Begegnungen jedoch nicht ersetzen könne. „Politainment“ präge zunehmend politische Formate in sozialen Medien. Klaws betonte, TikTok habe weltweit zahlreiche Wahlprozesse begleitet und setze auf Sicherheit, Kooperation und kontinuierliche Verbesserung. Repp plädierte für starke europäische Strukturen und lokale Alternativen, die auch offline Orientierung böten. 

Der Audio-Mitschnitt der Veranstaltung ist in der Mediathek der Medienanstalt MV hier abrufbar. Der Mitschnitt wird außerdem am 14. März 2026 um 15 Uhr im Mediatop Radio gesendet (Wiederholung: 15.03.2026, 12 Uhr). 

Das Programm ist über UKW in Neubrandenburg und Umgebung auf 88,0 MHz, in Malchin, Teterow und Umgebung auf 98,7 MHz, in Greifswald und Umgebung auf 98,1 MHz sowie online per Livestream zu empfangen.

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70 Gäste nahmen am Parlamentarischen Abend der Medienanstalt MV im Schweriner Schloss teil.
Florian Steffen
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